Rezensionen

zu Werner Onken

Marktwirtschaft ohne Kapitalismus – Von der Akkumulation und Konzentration in der Wirtschaft zu ihrer Dezentralisierung

München: oekom Verlag, 2022. 3 Bände mit 432, 464 und 496 Seiten.

 


Prof. Dr. Johann Walter | Westfälische Hochschule Gelsenkirchen
in Zeitschrift für Sozialökonomie online | 22.02.2022

Mit diesem Buch legt Werner Onken, Ökonom und Anhänger der Geld- und Bodenreformvorschläge des Kaufmanns und Sozialreformers Silvio Gesell, eine umfangreiche und beeindruckende Abhandlung zur ökonomischen Geschichte der Moderne vor. Er stellt die Entwicklung wichtiger ökonomischer und soziologischer Theorien aus der Sicht alternativer Reformansätze dar und skizziert anschließend eine Zukunftsperspektive. Konkret fragt Onken, inwieweit Ökonomen die von Gesell analysierten fundamentalen Probleme der existierenden Geld- und Bodenordnung gesehen haben, welche sich als tiefere Ursache ökonomischer Verteilungs- und Wachstumsprobleme interpretieren lassen. Dabei will Onken „Verständigungsbrücken“ zwischen Orthodoxie und Heterodoxie bauen, um Möglichkeiten für gesellschaftspolitische Reformen ausloten zu können. Der Titel des Buches spiegelt die These, dass dezentrale Wirtschaftsstrukturen eher zu dauerhaft tragfähigen Wirtschaftsentwicklungen führen können als derzeitige, von Akkumulation und (Macht-)Konzentration geprägte Strukturen. Zugleich deutet der Titel die Hoffnung an, dass sich solche Strukturen durch geeignete Reformschritte erreichen lassen.

Einleitend erläutert Onken, dass derzeit meist weder Marktwirtschaft noch BürgerGesellschaft wirklich frei sind, sondern vielmehr durch Privilegien des privaten Kapitals einschließlich des Bodeneigentums geprägt. Diese Privilegien bewirken eine fortwährende Akkumulation und Konzentration von wirtschaftlicher und politischer Macht, verhindern so die Entwicklung zu einer egalitären bürgerlichen Gesellschaft und fördern stattdessen eine hierarchisch geschichtete bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und zunehmend auch die Ausbeutung der natürlichen Umwelt.

Onkens dogmenhistorischer Analyse zufolge haben die Klassiker der Ökonomie diese Probleme großenteils übersehen. Marx und Engels wiederum haben – nur die Lohnausbeutung kritisierend – mit ihrer Forderung nach Verstaatlichung der Produktionsmittel einer weiteren Akkumulation und Konzentration sogar noch Vorschub geleistet. Von unabhängigen Denkern vorgelegte Ansätze zu einer Dezentralisierung von Kapital und Entmonopolisierung von Märkten blieben im Schatten der ökonomischen Orthodoxien der Klassik, der Neoklassik und des Marxismus. Bei Keynes finden sich zwar Vorstellungen in Richtung eines Abbaus von Kapitalprivilegien mit gegen Null gehenden Renditen – und der frühe Ordoliberalismus entwickelte Ideen, durch rechtliche Reformen den Rahmen für eine monopolfreie „vollständige Konkurrenz“ zu schaffen. Postkeynesianismus und Ordoliberalismus (und auch die „Small-is-beautiful-Bewegung“ der 1960er Jahre) schwiegen aber zu Fragen des Abbaus der genannten Privilegien – während zugleich die Kapitalkonzentration und Vermachtung von Märkten weiter voranschritt und die Entwicklung inzwischen zunehmend in eine ökonomisch-sozial-ökologische Gesamtkrise führt. Dessen ungeachtet entwickelten Postkeynesianismus und Neoklassik Theorien zu einem fortwährenden Wirtschaftswachstum – eventuell in der problematischen Annahme, dieses könne die soziale Spaltung der Gesellschaft in konzentriertes Kapital und lohnabhängige Arbeit durch allseitige Teilhabe am Wachstum überdecken.

Onken zeichnet in den ersten elf (von vierzehn) Kapiteln des Buches ausführlich und umfassend orthodoxe und unorthodoxe Theorieentwicklungen in der Ökonomie und in der Soziologie aus bodenrechts- und geldreformerischer Perspektive (also überwiegend kritisch) nach. Danach behandelt er die derzeitige Krisenlage und die Idee einer grundlegenden wirtschaftspolitischen Kurskorrektur. Die neuere Niedrigzinsentwicklung wird dabei als Zwischenstadium in einem noch unübersichtlichen Übergang in eine Marktwirtschaft ohne (zinsbehafteten) Kapitalismus interpretiert.

Abschließend skizziert Onken die „Realutopie“ einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus und ihr Potential zur Überwindung bestehender Hierarchieverhältnisse und zur Überwindung des permanenten Wachstumsdrangs. Die Utopie zielt – auch europa und weltweit – auf eine gerechtere, dezentrale, „nachkapitalistisch-bürgerliche“ Marktgesellschaft. Offen bleibt freilich, ob bzw. inwieweit (künftig) eine entsprechende Marktwirtschaft ohne Kapitalismus mit den Mitteln der existierenden, von Machtinteressen geprägten Demokratie erreichbar ist.

Insgesamt beeindruckt das Buch durch außerordentliche Fülle und Tiefe. Onken hat auf Basis seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Autor, Herausgeber der Gesamtausgabe der Gesell’schen Schriften, Leiter des Archivs für Geld- und Bodenreform an der Universität Oldenburg, verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift für Sozialökonomie sowie Organisator der Tagungsreihe Mündener Gespräche und der Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie an der Universität Oldenburg in sehr vielen Bereichen umfassende Einblicke gewonnen, die in das Buch einfließen. Für Interessierte eignet sich das Buch vor diesem Hintergrund gleichermaßen zur Gesamtlektüre wie auch als reichhaltiges Nachschlagewerk in Bezug auf ausgewählte ökonomische Theorien bzw. gesellschaftliche Bewegungen. Daneben ist die im Buch angebotene Fülle von Informationen und Gedanken überaus anregend und liefert zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Fragen und Forschungen. Dies sei anhand ausgewählter Themenfelder gezeigt, die im Buch angesprochen sind:

• Zu Fragen der Akkumulation, Konzentration und Macht: diese stellen sich in der sich entwickelnden Digitalökonomie (Amazon & Co.) in erweiterter Weise (Stichwort z.B.: Datenmacht). Hier ließe sich z.B. untersuchen, ob die Wettbewerbspolitik, in Deutschland etwa mit dem neuen §19a GWB, auf dem richtigen Weg zu einem neuen angemessenen Rechtsrahmen ist.

• Zur Geldordnung: diese weist in Bezug auf den Zins ein grundlegendes Problem auf und die Gesellsche Analyse dringt diesbezüglich wohl bis zum Kern des Problems vor. Andererseits gibt es weitere Probleme im Geldwesen, etwa das Schuldenproblem in einer Kreditgeldwirtschaft und neuerdings die Existenz von Kryptowährungen. Vor diesem Hintergrund ließe sich fragen, welche Rolle künftig den Zentralbanken zukommen sollte. Inwieweit kann z.B. eine strikte Geldmengensteuerung gelingen (etwa eine „potentialorientierte“ Anpassung der Geldmenge an das Sozialprodukt), wenn es Kreditgeld schöpfende Banken gibt?

• Zur Idee einer stationären Wirtschaft: Hier ließe sich (unabhängig von der Frage nach demokratischen Mehrheiten für eine Postwachstumsstrategie) untersuchen, inwieweit eine solche Wirtschaft möglich wird, wenn der im Zinsmechanismus enthaltene Wachstumstreiber nach Umstellung auf eine „Nullzinsökonomie“ wegfällt. Würde die Nettokreditschöpfung privater Banken auf Null fallen, wenn der Zins auf Null sinkt? Oder gibt es noch andere Wachstumstreiber, deren Wirkung erst nach Wegfall positiver Zinsen offenbar würde? Und: Sind Postwachstumsideen mit (globalen) Aufholbedürfnissen vereinbar? Sollte z.B. China und Indien – klimabezogen – verwehrt werden, was wir in Europa lange Zeit getan haben?

• In Bezug auf den Klimawandel: ist noch genug Zeit, eine wirksame Geld– und Bodenreform umzusetzen, welche den Wachstumsdruck reduziert und damit mittelbar die Voraussetzung für globalen Klimaschutz verbessert? Oder braucht es – darüber hinaus – beim Klimaschutz schnellere, z.B. technologiepolitische Ansätze?

• Zur Idee einer europäischen Bodenwertsteuer nebst europaweiter „solidarischer“ Rückverteilung: inwieweit würden potenzielle Verlierer in Abschöpfungsund Rückverteilprozessen versuchen, Derartiges zu verhindern oder – wie Katalonien innerhalb Spaniens – die jeweilige Gemeinschaft verlassen wollen? Eine Frage wäre somit, wie solche Umverteilungsmechanismen „gemeinschaftsverträglich“ ausgestaltbar sind.

• Schließlich zur Idee „posthegemonialer“ Systeme: inwieweit sind diese realisierbar in einer Welt voll Hegemoniestreben, z.B. beim Wettlauf von China, Russland und den USA nach Dominanz im Bereich künstlicher Intelligenz? Oder: wie lassen sich solche Dominanzpositionen verhindern?

Zusammenfassend gibt Onken einen beeindruckenden und zu weiterer Forschung inspirierenden Überblick zur Kritik an herrschenden ökonomischen Lehren. Das Buch ist besonders wichtig, weil sich bisher der kapitalistische Mainstream gegenüber den vielen Kritikern im Wesentlichen behaupten konnte, weil die kapitalistische Welt bisher ungerecht geblieben ist und weil der Kapitalismus zunehmend auch Umweltgefährdungen befördert. Dem Buch ist insgesamt eine weite Verbreitung herzlich zu wünschen.